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Leben im Multiversum – weshalb wir der modernen Physik nach unsterblich sein müssen

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Physiker entsinnen Experimente, durch deren Ausgang sie Rückschlüsse über die Natur unserer Welt zu erlangen hoffen. So beschleunigen Sie beispielsweise Teilchen in kilometerlangen Teilchenbeschleunigern auf annähernd Lichtgeschwindigkeit, um die bei der Kollision dieser Teilchen entstehenden neuen Teilchen zu erfassen.
Ein anderes von Physikern vorgeschlagenes Experiment würde dagegen keine milliardenteueren Geräte erfordern und trotzdem entscheidende Rückschlüsse über unser Universum erlauben. Dummerweise muss dazu der Physiker allerdings russisches Roulette spielen, sich also eine geladene Pistole an die Schläfe setzen, bei der nur eine Kammer mit einer Kugel besetzt ist, und mehrfach abdrücken, wobei er jedes Mal die Trommel zufällig dreht. Stimmt eine aktuelle Annahme modernen Physik, so müsste der das Experiment durchführende Physiker das Experiment überleben, egal wie oft er es hintereinander durchführen würde. Somit hätte der Physiker einen Beweis seiner eigenen Unsterblichkeit, und dennoch würde im Labor jede Menge Blut fließen. Wie das? Zunächst einige Hintergründe.

Dieses Experiment hat einen tiefgreifenden Ursprung: Immer mehr Physiker vermuten, dass wir in einem Multiversum leben, einem Universum, in dem es nicht nur eine Realität, sondern etliche gibt. Diese Annahme hat eine jahrzehntelange Geschicht, denn sie geht letztlich auf das vielen von uns aus der Schule bekannte Doppelspalt-Experiment zurück. Beschießt man nämlich zwei parallele Spalte mit einem Teilchenstrom – etwa Photonen -, so ergibt sich auf einem Photobildschirm dahinter ein charakteristisches Lichtmuster, ein sogenanntes Beugungsmuster. Aus diesem Muster lässt sich eine recht paradox anmutende Tatsache schließen: Ein einzelnes Teilchen kann dem gesunden Menschenverstand nach in diesem Experiment entweder den einen oder den anderen Spalt passieren, es scheint jedoch tatsächlich beide gleichzeitig zu passieren. Ein Teilchen kann also nicht nur an einem, sondern an mehreren Orten zur gleichen Zeit sein. (Auch die berühmte Heisenberg’sche Unschärferelation hat hiermit zu tun).

In der sogenannten Kopenhagener Interpretation wurde 1927 versucht, dieses Paradoxon aufzulösen, indem man festlegte, dass sich ein Teilchen zunächst an unendlich vielen Orten aufhalte und sich erst im Falle einer Messung seiner Position für eine „entscheidet“. Diese Interpretation ist jedoch für zunehmend viele Physiker nicht mehr haltbar. Sie vermuten, dass sich das Teilchen an unendlich vielen Positionen gleichzeitig aufhält, die nach der Wellenfunktion statistisch verteilt sind.

Und wenn jedes Teilchen unendlich oft existiert, so existiert auch jede aus Teilchen aufgebaute Materie – wir etwa wir selbst – in unendlich vielen Versionen. Die abgedreht klingende Folgerung ist also, dass jeder von uns unendlich oft existiert, wobei jede Version in einer eigenen „Dimension“ vorkommt. Hierbei handelt es sich nicht um Raum-Zeit-Dimensionen, sondern um nebeneinander existierenden Realitäten. Solche Realitäten entstehen jedesmal, wenn sich ein Teilchen „entscheiden“ muss. Versuche ich also, seine Position zu bestimmen, so entscheidetsich das Teilchen für eine mögliche Position in dieser Realität, wobei jede andere Position in einer anderen Realtät verwirklicht wird.

Für das oben angeführte Experiment mit dem russischen Roulette bedeutet dies, dass natürlich nach wie vor alle denkbaren Versuchsausgänge auftreten. Folglich wird der Physiker irgendwann die Kugel erwischen und sterben. Allerdings ist auch die Möglichkeit gegeben, dass er 20 oder selbst 100 mal hintereinander Glück hat, es ist zwar unwahrscheinlich, doch ist die Wahrscheinlichkeit größer als Null. Wenn nun alle denkbaren Entscheidungen realisiert sind, so gibt es also zumindest eine Realität, in der der Physiker überlebt. Und in genau dieser wird er sich zwangsläufig wiederfinden, da er in allen anderen Realitäten stirbt, so dass für ihn nur diese eine übrig bleibt. Er wird auch nichts davon spüren oder wissen, dass er fast jedesmal gestorben ist, er wird nur feststellen, dass er noch immer unversehrt ist und das Experiment geklappt hat. Dies ist für ihn somit zwangsläufig, wenngleich Augenzeugen des Experiments ihn in dutzenden von anderen Realitäten haben sterben sehen. Von daher ist dies Experiment nicht zur Nachahmung zu empfeheln, Sie werden es zwar aus ihrer Sicht überleben, doch ihre Mitmenschen werden sie in den meisten Realitäten verlieren.

Spinnt man diesen Gedanken zu Ende, so ergibt sich, dass der Physiker auch weiterhin in seinem Leben jedes Unglück in zumindest einer Realtät überleben wird, diese wird zwangsläufig zu seiner tatsächlichen Realität. Und selbst die sehr unwahrscheinliche Möglichkeit, dass ein Mittel zur Steigerung der Lebenserwartung in beliebigem Maße gefunden wird, ist eine mögliche und damit in einer Realität auch eintreffende Variante. Somit wird in 100 oder 1000 Jahren sich der Physiker in gerade dieser Realität wiederfinden.

Umgekehrt ist die Tatsache, dass wir bisher in unserem Leben alle Gefahren der Welt überlebt haben, kein Zufall, sondern eine Zwangsläufigkeit.

An dieser Stelle lasse ich in dieser Realität diesen Artikel enden, vielleicht hätte ich in anderen Realitäten noch weiteres hinzugefügt…

Dieses Experiment und viele weitere derartige Annahmen der Physik ist beschrieben im Buch Das Universum nebenan von Marcus Chown, das man über den folgenden Link bei Amazon bekommt.

Ein Gedanke zu „Leben im Multiversum – weshalb wir der modernen Physik nach unsterblich sein müssen

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