Archiv für 28. Oktober 2008



Seit langer Zeit sind sich alle Eltern einig, dass die Computerspiele ihrer Kinder nur Zeitverschwendung sind. Viel besser wäre all diese Zeit darin investiert, etwas für die Schule zu tun oder zumindest einmal ein “richtig gutes” Buch zu lesen (was bestimmt wiederum gut für die schulischen Leistungen wäre), stimmt’s?

Wenngleich ich selbst wirklich kein Computerspieler bin (“das besser nicht auch noch…”), fand ich das folgende Gedankenexperiment höchst interessant, das vom US-Autor Steven Johnson in seinem Bestseller Everything Bad is good for you beschrieben wird. Ich selbst stieß darauf bei der Leküre des sehr  zu empfehlenden Buchs Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo. Johnson vertritt die These, dass viele Aspekte der heutigen Jugendkultur nicht – wie meist behauptet – geisttötend sind, sondern durchaus förderlich für Auffassungsgabe und Intelligenz. Das erwähnte Gedankenexperiment fragt, was wäre, wenn zuerst Computerspiele und erst danach der Buchdruck erfunden worden wäre. Da ja Neues meist argwöhnisch betrachtet wird, käme es laut Johnson vermutlich bald zu Äußerungen wie die folgenden:

“Bücher unterforden chronisch die Sinne. Entgegen der langen Tradition der Computerspiele – die Kinder in lebendige, dreidimensionale Welten voll von bewegten Bildern und musikalischen Eindrücken entführen, durch die sie mit komplexen Muskelbewegungen steuern – sind Bücher einfach nur eine Aneinanderreihung von Wörtern auf einer Seite. Nur ein kleiner Teil des Gehirns wird dadurch aktiviert, während Computerspiele das gesamte Spektrum sensorischer und motorischer Hirnfunktionen ansprechen. Hinzu kommt, dass Bücher auf tragische Weise einsam machen. Während Spiele junge Menschen seit geraumer Zeit dazu bringen, gemeinsam mit ihren Freunden eigene Welten zu bauen und zu erkunden, zwingen Bücher sie in die Abgeschiedenheit eines ruhigen Ortes, abgeschottet vom Rest der Welt. Diese neu entstandenen ‘Büchereien’, die das Lesen anregen sollen, bieten ein beängstigendes Bild: Dutzende von Kindern, die normalerweise einen regen und lebhaften Austausch pflegen, versenken sich stumm und apathisch in die Lektüre …”

Computerspiele = Zeitverschwendung?

Dieses Gedankenexperiment macht uns deutlich, wie wichtig eine vorurteilsfreie Herangehensweise ist, insbesondere bei komplexen Sachverhalten, die nur schwer in ihrer Gesamtheit zu erfassen sind. Allzu schnell verfestigen sich Pauschalurteile und Halbweisheiten. Wer weiß schon, was eine Sache auf lange Sicht für Konsequenzen hat?

Die fortschreitende Digitalisierung unseres gesamten Lebens ist eine der größten Umwälzungen, mit der die Menschheit jemals konfrontiert war. Und wer weiß, was im Leben unserer Kinder in einigen Jahrzehnten entscheidend sein wird? Warum maßen wir uns also an – wir, die teilweise nichtmalsr skypen noch SMS-en können, weder auf Facebook noch Myspace zu finden sind und den Unterschied zwischen einem Blog und einer Wiki nicht kennen – unseren Kindern zu erzählen, was für sie gut und was schlecht sein wird?

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